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Innovationszonen sind notwendig um unsere Wirtschaft zukunftsfähig zu gestalten!

März 2019 Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaiers “Nationale Industriestrategie 2030” stellt unter anderem fest: Deutschland ist im Bereich der Forschung noch gut aufgestellt, hinkt aber bei der praktischen Anwendbarkeit deutlich hinterher. Im folgenden Beitrag möchte ich begründen warum die Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Technologien essenziell für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft ist und wie eine konsequente Anwendungsorientierung realisiert werden kann.

März 2019

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaiers “Nationale Industriestrategie 2030” stellt unter anderem fest: Deutschland ist im Bereich der Forschung noch gut aufgestellt, hinkt aber bei der praktischen Anwendbarkeit deutlich hinterher. Im folgenden Beitrag möchte ich begründen warum die Anwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Technologien essenziell für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft ist und wie eine konsequente Anwendungsorientierung realisiert werden kann. 

Die erfolgreiche praktische Anwendung von Wissen und Technologie findet nur in einem förderlichen regulatorischen Umfeld, im Umfeld einer zukunftsoffenen Bevölkerung und mit experimentierfreudigen Kunden als Wertschöpfungspartnern von Unternehmern statt 1. Eine funktionierende Industriepolitik muss die Anwendung im jeweiligen Wirtschaftsraum im Fokus haben um beide Aspekte der Innovation, die technisch-wissenschaftliche Invention und die Kommerzialisierung im industriellen Maßstab, zum volkswirtschaftlichen Nutzen zu erreichen. Ich nenne das Konzept, die praktische Anwendung zu fördern, INNOVATIONSZONE.

Es ist eine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, dass es erfolgreiche Unternehmer schaffen, ihre innovativen Produkte und Dienstleistungen durch eine geeignete Anwendung bei ersten Pilotkunden so weiter zu entwickeln, dass diese Produkte und Dienstleistungen einem breiteren Kundenspektrum attraktiv und nützlich erscheinen. Denn zwischen dem durchgreifenden Markterfolg und ersten Produkten auf Basis einer neuen Technologie, also der “praktischen Anwendung”, steht ein “valley of death”, ein Tal des Todes, eine Nachfragelücke.

In den Konsumermärkten (B2C) wird das valley of death zwischen den “tech enthusiasts” und dem “early mass market” durch ein “beach head market” überbrückt, d. h. durch eine bestimmte Kundengruppe, die aus der praktischen Anwendung einer neuen Technologie einen besonderen praktischen Nutzen ziehen, durch “community feed backs” eine Weiterentwicklung anstoßen und über die positive Kommunikation für die Erschließung weiterer Kundensegmente sorgen. Als Beispiel möge die Anwendung der Facebook-Plattform im beach head market “US Ostküsten Colleges” dienen.

In den Investitionsgütermärkten (B2B) müssen “lead user” gefunden werden, um die “user economics” zu erproben, betriebliche Prozesse an den Einsatz der Innovation anzupassen und die Endkundenakzeptanz zu demonstrieren. Auch hier sorgen die Rückmeldungen an die Entwicklungs- und Marketingabteilungen für die notwendigen zielgerechten Verbesserungen, die frühe installierte Basis für positive Referenzen und schließlich der Nachweis der Rentabilität für die Durchsetzung am Markt. Als Beispiel möge Airbus und der Einsatz der ersten Produkte A300 und A310 bei den launch customer Lufthansa, Air France und British Airways dienen.

Die Lehren aus diesen Erkenntnissen sind klar: 

Im jeweiligen Wirtschaftsraum muss die praktische Anwendung, also die frühen Kunden als Wertschöpfungspartner der Unternehmen gefördert werden. Reine Technologie-Demonstration und Technologie-Versuchsfelder greifen zu kurz und sind im Sinne der Überbrückung eines “Valley of Death” wertlos. Gefordert ist nicht die Erprobung von Technologien, sondern die Erprobung der kommerziellen Nutzung. 

Gefordert ist auch nicht die Zuführung von immer mehr Wagniskapital sondern die Unterstützung bei der Eroberung von “lead user (B2B)” und “beach head markets (B2C)” – beides Begriffe aus der Innovationsforschung des MIT, Boston. Nicht der erfolgreiche “pitch” vor “venture capitalists” ist das Ziel von echten Unternehmern, sondern das Überzeugen von Kunden und das Erzielen von profitablen Umsätzen. Daher sollten diese frühen Kunden, die ein Risiko mit dem Einsatz der Innovationen eingehen, mit geeigneten Maßnahmen gefördert werden.

Last not least, springt eine Industriestrategie, die auf ein Eingreifen bei Marktversagen und den Schutz von Technologie-Kompetenzen setzt, zu kurz. Eine funktionierende Industriestrategie muss die Innovationen im Wirtschaftsraum durch Förderung der Anwendbarkeit und der Kundenakzeptanz stärken.

Hierzu sind deklarierte Innovationszonen innerhalb eines Wirtschaftsraumes (in Analogie zu deklarierten Sonderwirtschaftszonen und Freihandelszonen) hilfreich. So könnten in regional und zeitlich begrenzten Innovationszonen andere, innovationsausgerichtete Regelsysteme gelten. 

Beispiele zu einer möglichen Innovationszone “Elektro-Mobilität” im süddeutschen Raum:

Anbieter und Kunden von Innovationsprodukten, deren Anwendung im Konflikt mit überholten Regelungen steht, könnten in der Innovationszone mit Ausnahmeregelungen rechnen. Beispielsweise ist es heute u. a. aufgrund der gesetzlichen Lage (Eichrecht, Verbraucherrecht) der damit einhergehenden Verwirrung von Kunden in Bezug auf Kosten und Leistungen der Elektromobilität noch nicht möglich Elektrolade-Stationen nachhaltig wirtschaftlich zu betreiben. Ausnahmeregelungen könnten schnell zu einer Vereinfachung und damit klareren Kommunikation führen.

Öffentliche Beschaffungen könnten Innovationsprodukte vorziehen und auf innovationsfeindliche Beschaffungskriterien verzichten. Beispielsweise könnten in einer Innovationszone “Elektromobilität” sogenannte Smart Meter mit der Möglichkeit der Abrechnung von zeitlich gestaffelten Anreiztarifen für die Differenzierung zwischen Elektro-Autos und sonstigen Verbrauchern bevorzugt eingeführt werden.

In der Innovationszone könnten durch Opt-In und Opt-Out Verfahren für die Bevölkerung große Testmarktkampagnen für den Einsatz von Carsharing, Parkplatzbewirtschaftung, Mikromobilität und automatisiertes Fahren ermöglicht werden.

Elektromobilität in der Innovationszone könnte durch die 3. Dimension erweitert werden: Elektrisches Fliegen würde durch den geringen Lärmpegel, die hohe Energieeffizienz und neue Anwendungen wie z. B.  Gewinnung hochauflösender Sensordaten (Raum und Zeit) für die Landwirtschaft neue Akzeptanz gewinnen können. Der Nutzen abstrakter Technologien kann dadurch erfahrbar für die regionale Bevölkerung werden.

Unternehmen in der Innovationszone erhalten Steuergutschriften für den Kauf und die Einbindung externer Innovationen als lead user und damit Wertschöpfungspartner des Innovators. So könnte der Umbau von Dienstwagenflotten für Service und Außendienst als praktische Anwendung der Elektromobilität gefördert werden.

Öffentliche Förderprogramme in der Innovationszone verzichten auf detaillierte Antragstellungen und aufwendiges Berichtswesen und prüfen nur anhand weniger Kriterien der Förderwürdigkeit der vorgeschlagenen Maßnahme. Auf diesem Wege würden Fördermaßnahmen auch den Weg in kleinere Unternehmen finden.

Die Industriestrategie 2030 muss eine Zukunftsstrategie sein, die über den reinen Schutz der volkswirtschaftlich relevanten Industrien und Unternehmen hinaus gehen. Bahnbrechende Technologiefortschritte durch die anhaltende wissenschaftliche Erkenntnisexplosion treffen aktuell zeitlich zusammen mit dem Auftreten von lebensbedrohlichen Menschheitsrisiken, die im Kern durch die Überbevölkerung des Planeten verursacht sind. Das Lösen komplexer Probleme bietet die Chance zu Sprunginnovationen, also Erfindungen von großer Tragweite plus deren hochskalierte Kommerzialisierung. Viele Regionen der Welt durchlaufen den gleichen Wahrnehmungsprozess und suchen die Differenzierung im Wettbewerb entlang zweier Dimensionen: Konzentration auf Zukunftsökonomien und Förderung von Unternehmern. 

BM Peter Altmaier hat für Deutschland einen “level of ambition”, ein Anspruchsniveau, definiert und strebt an den globalen Vergleich mit USA und CHINA zu bestehen. Dies bedeutet, Unternehmer zu fördern, die als unternehmerisches Ziel die globale Skalierung ihrer Innovationen verfolgen. Mit der Schaffung von Innovationszonen wird der Kunden- und Marktzugang und damit die praktische Anwendung der technisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse im eigenen Wirtschaftsraum gefördert. Und dies ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für den Erfolg in der Außenwirtschaft, dem Export und der globalen Wettbewerbsfähigkeit.

Thomas Dittler

1 Vergl. Peter F. Drucker, Innovation and Entrepreneurship, Practice and Principles, Harper 1985